Game Info
TITEL: Dragon Age II
PUBLISHER: Electronic Arts
PLATTFORM: Xbox 360, Playstation 3
GENRE: Rollenspiel
RELEASE: 10.03.2011
Fortsetzungen sind so eine Sache, insbesondere dann, wenn sie an einen übermächtigen ersten Teil anschließen wollen beziehungsweise sollen. Entsprechend schwierig ist auch die Ausgangssituation von Dragon Age II, welches an den Erfolg des großartigen ersten Teiles anschließen möchte. Ob Dragon Age II dieses Unterfangen gelingt, erfahrt ihr in unserem Test.
Vorgefertigte Charaktere statt “origin stories”
Eine große Veränderung zeigt sich bereits ganz am Anfang. Während man im ersten Teil noch aus drei Reihen und drei Klassen und den damit verbundenen Ursprungsgeschichten wählen konnte, ist die Rasse hier von vornherein festgelegt, denn man spielt auf jeden Fall als Mensch. Lediglich die Klasse (Schurke, Krieger, Magier) und das Geschlecht der Figur kann man auswählen. Und diese hört auch in jedem Fall auf den Namen “Hawke”. War die Hauptfigur im ersten Teil in den Dialogen noch stumm und dadurch auch eher blass, hat Hawke nun eine Stimme und wirkt dadurch um einiges lebendiger und die Dialoge wesentlich realistischer und dynamischer. Auch die Dialoge wurden etwas entschlackt. Ähnlich wie in Mass Effect kann man nun aus einer von drei Antwortmöglichkeiten wählen (friedlich, sarkastisch, aggressiv), das Thema vertiefen und an manchen Stellen das Reden auch einem der Gefährten überlassen. Nach einiger Zeit reagiert Hawke auch in Custcenes entsprechend der am häufigsten gewählten Antwort.
Hawke und seine Familie flüchten aus dem, von dunkler Brut zerstörten Dorf, Lothering und landen nach einiger Zeit in der fernen Stadt Kirkwall. Hawke mag die Hauptfigur von Dragon Age 2 sein, der Hauptdarsteller ist jedoch die “Stadt der Ketten”, Kirkwall. Da die Handlung eben nur in und um Kirkwall stattfindet, reduzieren sich gegenüber dem ersten Teil die Schauplätze. Dafür sind die vorhandenen aber mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet.
Natürlich kämpft Hawke nicht alleine, sondern schart Bioware-typisch eine ganze Reihe an Mitstreitern um sich: entweder seine magiebegabte Schwester Bethany oder sein kriegerischer Bruder Carver, Kriegerin Aveline, Zwerg Varric, Piratenkapitänin Isabella, Magier und Ex-Grauer-Wächter Anders sowie zwei Elfen, der entflohene und mit Lyrium tätowierte Sklave Fenris und die Blutmagierin Merril. Auch hier zeigt sich wieder eine Veränderung, denn die Kleidung der Mitkämpfer kann nicht geändert werden. Dafür können sie aber weiterhin mit Ringen, Amuletten und Gürteln sowie Runen aufgewertet werden.
Im ersten Teil gab es ein Lager, in dem sich alle Figuren trafen.- Nun hat jede Figur einen eigenen “Stützpunkt”. Das ist auch sinnvoll, denn bei Origins war man immerhin gemeinsam auf Reise, während die Figuren in der Stadt Kirkwall jeweils ihren festen Wohnsitz haben. Dialoge mit den Figuren gibt es auch nur an diesen Orten. Das mag manch einem nicht gefallen, andererseits war es bei Origins mitunter sehr nervig, wenn man sich urplötzlich in einem Dialog befand, obwohl man eigentlich ein Item aufheben wollte – und das passierte ständig. Darüber hinaus hält das die Gefährten noch lange nicht davon ab, miteinander über Varrics Brusthaare oder das Gesindeviertel der Elfen zu diskutieren. Jede Figur bringt eine richtig gut ausgearbeitete Persönlichkeit und Geschichte sowie eigene Quests mit.
Quests, Talentbäume und Kämpfe
Das Stichwort “Quest” ist ein wichtiges, denn die Handlung wird durch das Erfüllen von Quests vorangetrieben. Zahlreiche Haupt- und Nebenquests sorgen dafür, dass man stets etwas zu tun hat. Auf 40 Stunden Spielzeit oder mehr kann man es da locker bringen, ohne dass einem langweilig wird. Auf der Karte werden Schauplätze mit aktiven Quests durch ein Pfeilsymbol markiert, wodurch man stets den Überblick hat, wo noch Dinge zu erledigen sind.
Entsprechend der Haupthandlung drehen sich die meisten Quests um das Verhältnis von Magiern und Templern. Dass diese Verhältnis durchaus angespannt ist, weiß man ja aus dem ersten Teil. In Kirkwall jedoch haben viele Templer unter Führung der eiskalten Kommandantin Meredith einen geradezu faschistoiden Hass auf die Magier entwickelt, sodass ihnen gegen Magier und deren Unterstützer jedes Mittel recht ist. Entschlossene Gegenwehr der Magier, ob Zirkel-Mitglieder oder Abtrünnige, ist da vorprogrammiert.
Häufig laufen die Quests auf Kämpfe hinaus, bei denen oft genug die richtige Strategie über Sieg oder Niederlage entscheidet. Selbst auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad muss man das komplette Kampfgeschehen stets im Auge behalten, wenn man nicht niedergeknüppelt werden will. Beim Levelaufstieg können jeder Figur neben Statuswerten auch verschiedenene Fähigkeiten zugewiesen werden. Im ersten Teil waren diese in Tabellenform dargestellt, im zweiten können sie aus einer Art “Baum-Menü” ausgewählt werden. Hier kann man sich als Spieler austoben und seine Figuren mit individuellen Talenten ausstatten. Den Figuren, die man nicht steuert, können diese dann als Taktiken zugewiesen werden. Dank der soliden KI setzen die Kämpfer die zugewiesenen Fertigkeiten im Kampf dann auch sinn- und gewinnbringend ein. Darüber hinaus kann man das Spiel aber auch per Tastendruck pausieren und in Ruhe Angriffe oder Heiltränke auswählen.
Optisch durchwachsen, akustisch sehr gelungen
Grafisch ist Dragon Age 2, das die selbe Engine benutzt wie der erste Teil, leider nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Die Grafik wurde gegenüber dem Vorgänger zwar verbessert, gerade in Zwischensequenzen verschwimmen jedoch häufig Dinge im Hintergrund zur unscharfen und unschönen Pixelparty. Und dass man sich in NPCs hineinstellen kann, Kämpfer in den Boden fallen oder Gegner in Treppen verschwinden, dürfte eigentlich auch nicht vorkommen. Dafür sehen die gezeichneten Erzählsequenzen und Ladebildschirme sowie verschiedene Charaktermodelle sehr gut aus. Insgesamt bleibt jedoch ein etwas durchwachsener Eindruck.
Musikalisch macht der zweite Teil des Drachenzeitalters alles richtig. Schlachten werden episch-bombastisch untermalt, in Tavernen spielt mitreißend-fröhliche Tanzmusik und in Höhlen macht der gruselige Sound alles noch unheimlicher.
Besonders gelungen ist bei Dragon Age 2 auch die Synchronisation. Da der Zwerg Varric die Geschichte des “Champions von Kirkwall” erzählt, hört man seine Stimme besonders oft. Tilo Schmitz, vielbeschäftigter Synchronsprecher, der sonst Kater Karlo, Hellboy oder Schauspieler Michael Clarke Duncan seine Stimme leiht, ist mit seinem tiefen Brummbass für diese Rolle eine sehr gute Wahl. Aber auch alle anderen Figuren sind auf höchstem Niveau synchronisiert. Leider gibt es jedoch ein paar Patzer: An mindestens zwei Stellen sprechen angreifende Zwerge und auch Hawke selbst in der deutschen Version Englisch und an einer anderen hat eine unverkennbar männliche Figur mit prachtvollem Vollbart eine eindeutig weibliche Stimme. Auch dies sind Fehler, die eigentlich nicht in der fertigen Version eines Spieles enthalten sein sollten. Manchmal brechen Sätze auch mitten drin ab. Das trübt leider die stimmige Synchro.
Déjà-vus sind Fehler in der Matrix… oder doch nur Faulheit?
Ziemlich sauer stößt auf, dass sich die Dungeons ständig wiederholen. Es ist zwar kaum zu glauben, aber eine riesige Stadt wie Kirkwall scheint nur über ein Herrenhaus, eine Höhle, einen Kanalisationsgang, eine Seitengasse und ein Hafenlagerhaus zu verfügen. Noch nicht einmal Seiten vertauschen oder “palette swapping” hat man betrieben, um die Mogelpackung wenigstens ein bisschen zu vertauschen. Nein, hier hat man sich ganz offensichtlich programmiertechnischer Faulheit hingegeben und dann womöglich sogar noch darauf gehofft, dass der Spieler gar nicht merkt, dass er die gleiche Höhle jetzt schon zum zehnten Mal betritt, obwohl es theoretisch eine völlig andere sein sollte und sogar müsste.
Und leider ist eine Quest im dritten Kapitel des Spieles verbuggt. Der sogenannte “Plot-Geber” taucht zwar auf, reagiert aber nicht auf Eingaben oder Bemühungen des Spielers. An dieser Stelle muss man wohl auf einen Patch hoffen, wenn man wirklich jede Quest absolvieren will.
Erfreulich ist, dass Dragon Age 2 kein Speicherstand-Roulette mehr spielt, so wie der Vorgänger, bei dem es geradezu zufallsgeneriert anmutete, welcher Spielstand beim “Weiterspielen” geladen wurde. Denn das war nur im seltensten Fall derjenige, den man tatsächlich zuletzt gespielt hatte. Dafür gibt es auf jeden Fall ein Lob. Lediglich wenn man das Spiel mit mehreren Charakteren parallel spielt, kann es zu Verwechslungen kommen. Aber das ist im Vergleich zum Glücksspiel bei Origins geradezu vernachlässigbar.
Ein klein wenig Meta-Ebene: Wenn über das Erzählen erzählt wird
Bei Bioware hat man ein Talent für das Erzählen von Geschichten. Das stellt das Team auch bei Dragon Age 2 erneut unter Beweis. Die Geschichte des Champions von Kirkwall, die der Zwerg Varric in Retrospektive erzählt, ist sehr spannend und bietet einige überraschende Wendungen. Besonders interessant ist jedoch, dass das Erzählen selbst so oft thematisiert wird. Mehrere Szenen spielt man, nur um kurz darauf zu erfahren, dass Varric es an diesen Stellen mit der Genauigkeit dann doch nicht so ernst nahm und um der Dramaturgie willen ein klein wenig ausgeschmückt hat. Und dass sich Varric mehrfach selbst als Lügner bezeichnet, lässt durchaus Zweifel aufkommen, ob er denn überhaupt ein zuverlässiger Erzähler ist und ob sich die Geschichte überhaupt so zugetragen hat. Und wenn ein betrunkener Tavernenbesucher (übrigens mit der Stimme von GameOne-Sprecher Ingo Meß) darüber sinniert, dass er sich vorkommt wie in einer Geschichte, die von jemand anderem erzählt wird, dann zeigt sich erneut, dass das Thema des Erzählens und des Erzählten eine größere Rolle spielt.
Wer Dragon Age: Origins kennt, der bekommt zwar keine richtige Fortsetzung des ersten Teiles, dafür aber immerhin ein Wiedersehen mit Piratin Isabella, die man dieses Mal sogar selbst steuern kann sowie den Zwergen Bodan und Sandal. Magier Anders ist Besitzern der Erweiterung Awakening ebenfalls bekannt. Und auch an anderen Stellen haben die beiden Teile durchaus Schnittmengen. Ob einem die Änderungen gegenüber dem ersten Teil gefallen, ist Geschmackssache. Wer seine Figuren im ersten Teil bis zum Geht-Nicht-Mehr “customized” hat, der wird über die eingeschränkten Individualisierungsmöglichkeiten nicht erfreut sein. Wer besonders die “origin stories” mochte, dem wird nicht gefallen, dass die Hauptfigur vorgegeben ist. Wer ständig mit seinen Gefährten quatschen will, der wird hier enttäuscht. Das ändert aber nichts daran, dass die meisten Änderungen das Spiel um einiges entschlackter und dynamischer machen als den Vorgänger.
Nicht jeder wird Dragon Age 2 mögen. Manch einem werden die Änderungen gefallen, andere werden sie ablehnen. Nichtsdestotrotz kann der zweite Teil sehr wohl mit dem ersten mithalten, der zumindest technisch an manchen Stellen sogar besser ist. Hier wird nämlich kein Spielstand-Bingo mehr gespielt und man löst auch keine ungewollten Dialoge mehr aus, wenn man Items aufnimmt. Die Geschichte ist von Anfang bis Ende spannend, die Gefährten und deren Gespräche sind großartig. Die Kämpfe machen Spaß und sind teilweise sehr herausfordernd. Musik und deutsche Synchro sind, abgesehen von kleinen Patzern, sehr gelungen. Nur grafisch merkt man, dass die Engine inzwischen doch angestaubt ist – großartige Charaktermodelle wechseln sich mit unscharfem Pixelmatsch ab, das Ergebnis wirkt etwas durchwachsen. Nervig ist, dass sich die immer gleichen Dungeons schier endlos wiederholen – da war die Produktionszeit wohl doch etwas zu kurz. BioWare schafft es dennoch einmal mehr ein richtig gutes Rollenspiel abzuliefern.
Vielen Dank an Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung des Testmusters!








