Special: Lone Survivor

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Survival Horror ist tot, behauptete mit Capcom kürzlich ausgerechnet der Entwickler, der dem Genre mit Resident Evils „Enter the survival horror…“ einst seinen Namen gab. Wenn man die aktuelle Entwicklung betrachtet, könnte man fast versucht sein, das sogar zu glauben. Während PS1 und PS2 ständig mit neuen Horror-Titeln für Spannung und Gänsehaut sorgten, ist das Genre heute zu einer kleinen Nische geworden, die nur noch geringe Beachtung bekommt.

Indie-Entwickler Jasper Byrne lässt sich davon jedoch nicht beirren und zeigt mit dem PC-Titel Lone Survivor, dass Survival Horror immer noch viel Potential für Nervenkitzel bietet.Oberflächlich betrachtet mag es sich bei Lone Survivor zunächst um ein Silent Hill in 2D-Pixel-Retro-Optik handeln. Bei näherer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass einem hier deutlich mehr geboten wird als man auf den ersten Blick erkennt.

Der deutliche Einfluss der Silent-Hill-Serie verwundert nicht, denn Jasper Byrne hat mit Soundless Mountain II bereits vor ein paar Jahren ein gelungenes Demake von Silent Hill 2 veröffentlicht, mit dem er bewiesen hat, dass James Sunderlands Reise durch den nebelverhangenen Ort selbst in NES-Grafik stimmungsvoll überzeugen kann.

An Lone Survivor hat Jasper Byrne insgesamt vier Jahre gearbeitet. Das Spiel durchlief in dieser Zeit zahlreiche Entwicklungsstadien, die sich nicht nur optisch vom fertigen Spiel deutlich unterscheiden. Die verschiedenen Schritte des Entwicklungszyklus wurden von Jasper Byrne in seinem Blog dokumentiert.

Wie ich heiße? Ich weiß es nicht mehr. Und ich glaube auch, dass es in dieser Welt nicht mehr viel Bedeutung hat. Ich mein ja nur. Welchen Sinn hat ein Name, wenn keiner mehr da ist, der dich ruft oder der danach fragt? Es stimmt wohl, Namen sind Schall und Rauch.

Als einziger Überlebender muss man sich seinen Weg durch ein heruntergekommenes Apartment-Gebäude bahnen. Statt der einstigen Bewohner befinden sich auf den Fluren und in den Wohnungen nun merkwürdige Gestalten. Nicht nur diese machen einem das Leben schwer, auch der eigene Körper stellt sich gegen euch. Wer überleben will, muss essen und schlafen. Aber wie lange kann man seine Körperfunktionen mit Krabbenchips oder Trockenfleisch aufrecht erhalten? Wenn man sich zum Schlafen hinlegt, speichert man auch. Da wird strategisches Vorgehen zur Notwendigkeit. Gehe ich das Risiko ein und schaue ich mir dieses eine Apartment noch an, obwohl meine Figur darüber klagt, dass sie gleich zusammenbricht oder gehe ich sicherheitshalber doch wieder zurück?

Vor solchen Entscheidungen steht man als Lone Survivor ständig. Erschieße ich dieses Monster in bester Rambo-Manier oder schleiche ich mich vorsichtig an ihm vorbei? Pistolenmunition ist jedoch rar gesäht und der Überlebende ist auch kein Revolvermann.

Manchmal überlege ich, ob ich mir nicht einfach die ganzen Pillen einwerfen soll, die ich in dem versifften Badezimmer gefunden habe. Vielleicht bin ich dann ja endlich meine Müdigkeit los, vielleicht kann ich dann endlich mal schlafen und werde nicht ständig von Hungerkrämpfen geweckt. Wenn ich schlafe habe ich Albträume, wenn ich aufwache wird es noch schlimmer. Hätte doch was: der letzte noch lebende Mensch wird von Chemie-Gepansche dahingerafft, obwohl er alles andere überlebt hat.

In den verlassenen Wohnungen findet man manchmal auch grüne, rote und blaue Pillen, die unterschiedliche Wirkungen entfalten. Auch hier steht man vor einer Entscheidung: betäubt man sich mit Drogen, um die Einsamkeit zu ertragen oder verzichtet man auf die Tabletten, die natürlich nicht ganz ohne Nebenwirkungen bleiben. Riskiere ich eine Drogenabhängigkeit, wenn ich ohnehin schon um mein tägliches Überleben kämpfen muss?

Das Schicksal hat einen widerlichen Sinn für Humor. In einem Apartment hab ich eine Dose mit Essiggurken gefunden. Ich mochte die Dinger zwar noch nie, aber immerhin was Essbares. Jetzt hab ich eine Dose voll mit Essen, kann vor Hunger nicht mehr klar sehen und bekomme die verdammte Blechbüchse nicht auf. Wenn es mir nicht längst schon vergangen wäre, würde ich lachen. Aber das strengt zu sehr an, ich muss mich schonen.

Neben Silent Hill stand offensichtlich auch I Am Legend für das Spiel Pate. Und ich meine damit den Roman von Richard Matheson aus dem Jahr 1954 und nicht den leider nur mittelmäßigen Will-Smith-Film. Als letzter Überlebender in einer albtraumhaften Welt freut man sich über jedes kleine Erfolgserlebnis. Der Fund eines banalen Alltagsgegenstandes wird zum größten Glücksgefühl überhaupt, wenn es ausgerechnet der lange ersehnte Dosenöffner ist.

Die Orientierung kann manchmal etwas schwierig sein, weil die Karte einem die Umgebung aus der Draufsicht zeigt, man selbst jedoch immer nur von links nach rechts geht und man entsprechend nicht merkt, ob man sich gerade von Süden nach Norden oder von Osten nach Westen bewegt.

Manche reden mit Körben, andere quatschen Volleybälle zu oder verlieben sich in Würfel. Warum auch nicht. Ich hab ein Stofftier. Das saß auf einer Waschmaschine. Weiß gar nicht, warum ich das mitgenommen hab. Hat mich wohl an früher erinnert. Eigentlich unnötiger Ballast, aber ich bin wohl doch noch nicht ganz unten angekommen. Naja. Das Gute an so einem Gesprächspartner ist, dass er dir immer zuhört und dir nie widerspricht, egal mit was für nem Stuss du ihn wieder mal zulaberst.

Jasper Byrne beweist mit Lone Survivor absolute Stilsicherheit. Die bewusst gewählte Pixelgrafik vermittelt die trostlose Stimmung bestens. Die Welt des einzigen Überlebenden ist heruntergekommen, furchteinflößend und widerlich. Aufgrund vieler surrealer Erlebnisse beginnt man irgendwann, sich zu fragen, was denn in dieser Welt noch real und was vielleicht doch nur ein Hirngespinst ist.

Besonders hervorzuheben ist der fantastische Soundtrack. Jasper Byrne, der selbst als DJ unter dem Pseudonym Sonic auftritt, ist nach eigenem Bekunden großer Fan von Akira Yamaoka, dem ehemaligen Stammkomponisten der Silent-Hill-Spiele. Man merkt dem Spiel an, dass der Komponist Musik liebt. Und man merkt, dass der Komponist ganz genau weiß, welche Musik zu welchem Zeitpunkt welche Emotion auslösen kann. Sphärische Technoklänge, Gitarrenriffs oder Jazz – die Musikvielfalt ist abwechslungsreich und passt stets zur gerade herrschenden Situation.

Durch die unterschiedlichen Enden erhöht sich auch der Wiederspielwert und der Anreiz, beim zweiten Durchgang vielleicht doch eine andere Taktik auszuprobieren.

Lone Survivor kostet 10 Dollar und ist sein Geld absolut wert. Für mich ganz persönlich ist Lone Survivor eines der intensivsten Erlebnisse des bisherigen Spieljahres und schon jetzt ein heißer Anwärter auf den Titel Spiel des Jahres 2012. Wer von meinem Enthusiasmus noch nicht ganz überzeugt ist, der sollte sich den Launch-Trailer ansehen und wenigstens die Demo-Version ausprobieren.


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